Neurodermitis heilen – ist das möglich?

Ein Leben (fast) ohne Symptome ist möglich. Wir verraten dir, wie.

04.10.2021
Lesedauer: 4 Min.

Lässt sich Neurodermitis heilen? Diese Frage hast du dir vielleicht auch schon mal gestellt. Immerhin handelt es sich um eine der häufigsten Hauterkrankungen – und die medizinische Forschung hat schließlich schon für viele verbreitete Krankheiten Therapien hervorgebracht. Möglichkeiten zur Behandlung gibt es natürlich auch für Neurodermitis: Sie sind allerdings vor allem darauf ausgelegt, deine Symptome zu lindern. Besonders quälend ist häufig der Juckreiz. Aber auch die schuppigen und geröteten Stellen an deinem Körper können dich seelisch und körperlich sehr belasten. Hier erfährst du, was du von medizinischen Behandlungsmethoden erwarten kannst und wie vielversprechend neue Therapieansätze sind. Aber auch, wo aktuell die Grenzen der modernen Medizin liegen. Unsere wichtigste Botschaft an dich: Ein Leben (fast) ohne Symptome ist grundsätzlich möglich. Wir verraten dir, wie dein Weg zu diesem Ziel aussehen kann.

Person, die von Neurodermitis betroffen ist

Ist Neurodermitis heilbar?

Wenn du hoffst, dass sich Neurodermitis heilen lässt, haben wir leider eine schlechte Nachricht für dich. Sie gilt als nicht heilbar. Aber: Sie lässt sich gut behandeln. Weil Hautbarriere, Hautflora und die Funktion des Immunsystems gestört sind, reagiert die Haut schubweise mit Entzündungen auf bestimmte Reize. Immerhin bleiben bei vielen betroffenen Kinder die Symptome irgendwann aus. Besteht die Krankheit weiter, kannst du mit Pflege und frühzeitigen Therapien deine Haut stabilisieren und die Schübe hinaus zögern.

Hier erfährst du die genauen Hintergründe zu deiner Erkrankung.

Was ist über die Entstehung von Neurodermitis bekannt?

Lass uns zunächst auf eine Zeit zurückblicken, in der die Neurodermitis-Forschung in den Kinderschuhen steckte. Im 19. Jahrhundert tippten die Ärzte noch auf eine Nervenkrankheit: Neuron bedeutet Nerv, derma steht für Haut, itis für Entzündung. Doch damit lagen sie falsch. Heute ist klar, dass viele verschiedene Faktoren bei der Entstehung eine Rolle spielen. Mediziner nennen die Erkrankung atopische Dermatitis oder atopisches Ekzem. Der Begriff „atopisch" steht für „erbliche Überanfälligkeit“. Die Veranlagung, dass bei dir Neurodermitis ausbricht, hast du also von Geburt an. 

Die drei wichtigsten bekannten Faktoren, die Neurodermitis verursachen:

  1. Fehlerhafte „Bauanleitung“ für die hauteigene Hornschicht: Ein Proteinmangel der Haut ist verantwortlich für die Anfälligkeit deiner Haut gegenüber entzündungsfördernden Reizen
  2. Gestörte Funktion des Immunsystems: Immunzellen bilden entzündungsfördernde Botenstoffe und setzen diese frei. Dein Immunsystem reagiert überempfindlich auf harmlose Stoffe, die uns täglich umgeben
  3. Fehlbesiedlung der Haut: Die Hautflora unterscheidet sich bei Neurodermitis von der gesunder Menschen – bestimmte Keime vermehren sich stärker

Was genau passiert bei einem Neurodermitis-Schub mit deiner Haut?

Deine Haut hat sozusagen Lücken in ihrem Schutzpanzer. Sie kann Feuchtigkeit nicht gut speichern und ist daher trocken und empfindlich. Selbst, wenn du noch keine Anzeichen für ein Ekzem spürst, lassen sich vermehrt Entzündungszellen in deiner Haut nachweisen. Stress oder Stoffe, die dein Immunsystem alarmieren, können jederzeit einen Schub auslösen. Dann ist die Ruhephase vorbei. Du spürst das in Form des Juckreizes und siehst, wie deine Haut sich rötet, schuppt und entzündet.

Welche Trigger sind es bei dir?

  • Stress
  • Nahrungsmittel wie Käse, Milch
  • Pollen
  • Hitze und Kälte
  • Reizende Stoffe in Waschmittel oder Kosmetika

Tipp: Die Suche nach deinen persönlichen Triggern ist echte Detektivarbeit. Ein Symptomtagebuch kann dir helfen. Mit Nia, so heißt die App der Berliner Charité, kannst du auch unterwegs alle Beschwerden eintragen.

Bild-Idee: Infografik zu körperlichen Auslösern von Neurodermitis

Wie können Hautschäden trotz Neurodermitis heilen?

So viel also zu den Auslösern eines Schubs. In einer akuten Phase kämpfst du mit Entzündungen und Juckreiz. Vor allem das Kratzen bedroht deine Haut: Wenn du dich kratzt, können Keime leicht in deine oft trockene Haut gelangen, die Entzündungen und den Juckreiz noch verstärken. So verschlechtert sich dein Hautzustand immer weiter. Darum ist es so wichtig, dass du den Juckreiz linderst – der Schlüssel dafür, auch die Entzündungen auszubremsen und offene Hautstellen abheilen zu lassen. 

Wenn du bemerkst, dass ein Schub bevorsteht:

  • Teste, ob Schwarzteeumschläge und andere Hausmittel mit Gerbstoffen die Entzündung lindern
  • Wende dich ansonsten an deine:n Dermatolog:in für eine entzündungshemmende Therapie
  • Kühle betroffene Hautstellen mit einer Kühlkompresse
  • Trickse dein Gehirn aus: Das Kratzen an einem Gegenstand kann dir Erleichterung verschaffen
  • Übe dich in Achtsamkeit – so fährst du deinen Stresslevel herunter

Gibt es Hoffnung auf Heilung von Neurodermitis in Zukunft?

Die Hauterkrankung ist so komplex, dass Wissenschaftler ihre Mechanismen noch nicht ganz entschlüsseln konnten. Sie arbeiten daran, daher gilt: Hoffentlich wird Neurodermitis heilbar sein, wenn auch erst in Zukunft. Die Mehrzahl betroffener Kinder hat das Glück, spätestens in der Pubertät nicht mehr unter akuten Symptomen zu leiden. Bricht die Krankheit im ersten Lebensjahr aus, leben die Hälfte der betroffenen Kinder nach drei Jahren beschwerdefrei. Bleibt die Krankheit oder bricht erst später im Leben aus, kommen und gehen die typischen Symptome meist in Schüben.

Dein Ziel: Heile Haut statt Neurodermitis heilen

Setz dir daher nicht zum Ziel, Neurodermitis heilen zu lassen: Das gibt der Wissensstand der Forschung bisher leider einfach nicht her. Lass uns lieber schauen, was du tun kannst, damit es deiner Haut über lange Strecken gut geht. Dazu musst du wissen, was sie braucht und wie die richtige Behandlung aussieht. Du kannst damit erreichen, dass die Ruhephasen immer länger andauern und die Neurodermitis-Symptome in den Hintergrund treten. Wäre das für dich vielleicht sogar so viel wert wie Neurodermitis heilen zu können? Jetzt sehen wir uns genauer an, welche Strategien dir für eine bestmögliche Hautsituation helfen können.

Was kann Pflege bewirken, wenn Neurodermitis heilen nicht möglich ist?

Es ist ziemlich einfach, deiner Haut jeden Tag etwas zu geben, das sie braucht: zweimal täglich eine Portion Feuchtigkeit. Mit dieser simplen Behandlung kannst du deiner oft trockenen Haut helfen, eine stabilere Barriere aufzubauen. Du solltest diese sogenannte Basispflege darum täglich in deinen Tagesablauf integrieren: So kannst du vielleicht sogar deinen Bedarf an Kortison senken und hast länger Ruhe zwischen den Schüben. Wichtig ist, dass deine Creme pH-neutral ist und keine Zusätze wie Duft- und Konservierungsstoffe enthalten sind. Beachte außerdem diese Tipps bei deiner Routine:

  • Eincremen nach jedem Kontakt mit Wasser
  • Lauwarm waschen und duschen
  • Produkte mit rückfettenden und entzündungshemmenden Substanzen wählen
  • Auf hautberuhigende und für den Akutfall auf juckreizlindernde Inhaltsstoffe deiner Kosmetika achten
  • Sanft abtrocknen
Person, die sich eine betroffene Hautstelle eincremt

Welche Therapien gegen Neurodermitis gibt es?

Die Standardtherapien bei leichten oder mittelschweren Ekzemen kennst du vielleicht schon: Die Entzündung muss schnellstmöglich bekämpft werden. Häufig setzt dein:e Dermatolog:in zur Behandlung daher Kortisonpräparate ein. Auch Therapien mit UV-Licht haben antientzündliche Effekte. Erst bei schweren Formen kommen Immunsuppressiva und Biologika zum Einsatz, die auf das Immunsystem abzielen. Doch auch mit diesen neuen Therapien lässt sich nicht absehen, wie bald Neurodermitis heilbar sein könnte.

Welche Rolle spielt die Psyche bei Neurodermitis?

Nicht der Aufbau deiner Haut oder dein empfindliches Immunsystem allein sind verantwortlich für deine Hauterkrankung. Wissenschaftler sind sich sicher, dass auch Stress, Freude und Druck Neurodermitis entstehen lassen und aufrechterhalten. Du siehst: Nicht nur das Zusammenspiel der körperlichen Faktoren ist komplex, auch deine Psyche befeuert die Entzündungen. An dieser Erkenntnis kannst du ansetzen. Von innen heraus Neurodermitis heilen? Das wäre zu viel erwartet. Trotzdem kannst du gut für dich sorgen, um dein seelisches Gleichgewicht herzustellen – und wirst möglicherweise mit Symptomfreiheit belohnt.

4 Tipps, die nicht die Neurodermitis heilen, aber indirekt Psyche und Haut stärken

  1. Akzeptiere deine Erkrankung. Deine Haut tickt anders als bei Gesunden. Genau wie dein Immunsystem. Das wurde dir in die Wiege gelegt – es ist nicht zu ändern. Du bist okay, genau wie du bist. Hole dir ruhig Hilfe für den Prozess, dich selbst und deine atopische Erkrankung anzunehmen. Vor allem dann, wenn du auch mit Scham und Schuldgefühlen kämpfst.
  2. Mach dir weniger Druck. Jetzt mal ehrlich, bist du möglicherweise Perfektionist:in? Ist dein Anspruch an dich selbst sehr hoch? Bist du zu dir selbst viel härter als zu allen anderen? Mach dir bewusst: Es läuft selten perfekt. 80 Prozent reichen aus. Du bist genug. Deine Leistungen und Erfolge machen dich nicht aus.
  3. Grenze dich ab. Möchtest du es immer allen recht machen? Lerne, nein zu sagen und zunächst mal für dich selbst zu sorgen. Nimm das Jobprojekt nur an und erfülle deinen Freund:innen ihre Wünsche nur dann, wenn du selbst dabei nicht zurückstecken musst.
  4. Sorge für dich. Gute Ernährung, viel Bewegung, geistige Auszeiten – all das bringt dich und deine Haut ins Gleichgewicht. Finde heraus, wie du gute Gewohnheiten in deinen Alltag integrieren kannst. Natürlich ohne dich unter Druck zu setzen: Der wirkt sich nämlich wiederum negativ auf deine Haut aus. 

Fazit: Nicht Neurodermitis heilen, sondern möglichst lange symptomfrei mit ihr leben

Die Gene, äußere Reize und innere Faktoren: Du weißt jetzt, wie vielfältig die Auslöser von Juckreiz und Co. sind – und dass eine vollständige Heilung von Neurodermitis nach jetzigem Wissensstand nicht möglich ist. Setze dir zum Ziel, durch eine gute Behandlung deiner Haut und deiner selbst, beschwerdefrei mit deiner chronischen Erkrankung zu leben! Dem kannst du dich am besten mit gewissenhafter Pflege und innerer Gelassenheit annähern.

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